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Die Scheidung durch einen gemeinsamen Anwalt gehört ins Reich der Märchen

Es gibt ihn nicht, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält: den gemeinsamen Anwalt.

Aus Kostensicht klingt es natürlich sehr verlockend, sich bei der Scheidung nur von einem Rechtsanwalt vertreten zu lassen. Der Gesetzgeber hat hingegen einen übergeordneten Aspekt im Blick gehabt, als er festlegte, dass ein Rechtsanwalt immer nur eine Seite, genauer eine Partei, vertreten darf. Er wollte sicherstellen, dass sich die Mandanten ihrem Anwalt mit allen Dingen anvertrauen können und sich bei ihm sicher aufgehoben fühlen. Schließlich unterliegt der Rechtsanwalt einer anwaltlichen Schweigepflicht. So braucht der Mandant nicht zu befürchten, dass einzelne Informationen ohne seine Zustimmung an die gegnerische Seite weitergeleitet und im Zweifel zu seinen Lasten verwendet werden.

Dem Gesetzgeber war dieses so wichtig, dass er eine eindeutige Regelung getroffen hat: Wer als Anwalt gleichzeitig die Interessen des Gegners wahrnimmt, also auch diesen berät, der begeht Parteiverrat und macht sich damit strafbar.

Ehefrau und Ehemann als Gegner? Was bei einer streitigen Familienrechtsangelegenheit leicht nachzuvollziehen ist, gilt in gleicher Weise für den Fall, dass sich die Eheleute bereits über alle Punkte der Scheidung verständigt haben. Denn grundsätzlich haben die Ehepartner in der Scheidung gegensätzliche Interessen, sodass es auch im Familienrecht keine Vertretung durch einen gemeinsamen Anwalt geben darf.

Das Familienrecht ist zu komplex, als dass ein Laie ohne anwaltliche Vertretung bei den Verhandlungen über die Regelung der Scheidungsfolgen alles richtig einschätzen könnte. So könnten die Vorschläge der anderen Seite nicht der Rechtslage entsprechen oder sie benachteiligen den Ehepartner in nicht akzeptabler Weise.

Schnell liegt dann der Gedanke nahe, die Vereinbarungen notariell beurkunden zu lassen, um so auf der sicheren Seite zu sein. Auch das ist ein Irrweg. Denn der Gang zum Notar ersetzt nicht die Beratung durch den eigenen Anwalt. Notare sind im Gegensatz zum Rechtsanwalt keine Interessenvertreter. Sie dürfen also nicht einseitig beraten – und damit nicht aufzeigen, welche Vorteile einem eine bestimmte Regelung bringen könnte. Zudem sind Notare nicht immer Fachleute für Familienrecht und kennen meist auch gar nicht detailliert die Hintergründe des Scheidungsfalls. In der Regel bekommen sie lediglich einen vom Rechtsanwalt vorbereiteten Vertragsentwurf, den sie dann beurkunden.